GEORGE TEODORESCU ÜBER NEUGIER

Der Designprofessor George Teodorescu kritisiert den Wettbewerb gleicher Produktkonzepte. Er glaubt an die Kraft neuer Ideen und sieht die Designer in gesellschaftlicher Verantwortung. Deshalb fördert er mit seiner weltweit einzigartigen „Innovationsschule” Querdenken und Erfindergeist.

Herr Professor Teodorescu, Sie sprechen fünf Sprachen, doch Ihr Leben bestimmt ein einziges Wort. Es ist das neugierigste von allen: „Warum“!
Neugier ist die Basis von Kreativität. Deshalb ist meine Lieblingssprache die der Hinterfragung. Sie führt zu den tatsächlichen Problemen und damit zu echten Lösungen.

Die echten Lösungen – wo sind sie zu finden?
Dort, wo der Ausdruck, also die Form, endet und der Inhalt beginnt. Es gibt viel zu viele formale Innovationen und zu wenig inhaltliche.

Bedeutet das, Design hat nur eine Berechtigung, wenn es eine neue Idee verkörpert?
Tut es das nicht, ist Design sinnlos. Auf der anderen Seite könnte Design Wirtschaftswunder auslösen: wenn wir von einem Wettbewerb des Preises und der Qualität hin zu einem Wettbewerb der Ideen und Konzepte kämen. Bestes Beispiel ist der Telekommunikationsbereich: Alle haben sich auf die Gestaltung von Handys gestürzt, anstatt neugierig nach anderen Lösungen der Vernetzung zu suchen. Dabei ist es die Hauptaufgabe von Design, Fragen zu formulieren. Zu oft wird vergessen: Design heißt denken.

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Neugier ist also das Talent der Kreativen?
Nein! Jeder hat das Talent. Neugier gehört zu einem frischen, wachen Intellekt. Leider verlieren viele ihre Fähigkeit, weil sie sich von einer Routine mitziehen lassen und ihr inneres Kind vergessen.

Was zeichnet einen neugierigen Menschen aus?
Die Fähigkeit, selbst die banalsten Ereignisse immer wieder aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Jeder Tag muss als das gesehen werden, was er ist: ein einmaliger Tag, nicht nur eine Fortsetzung von gestern. Das Heute ist immer neu.

Nun haben viele Menschen Angst vor Neuem.
Dabei ist die Herausforderung des Neuartigen das höchste Gut. Wenn es einem geboten wird, sollte man sich dafür bedanken. Wenn nicht, muss man sich auf die Suche machen, um es zu finden.

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Woran haben Sie mehr Freude, am Suchen nach Lösungen oder am Finden?
Die Suche ist Frische, Kampf und manchmal Niederlage. Deshalb ist die Suche so interessant. Sie inspiriert den Geist. Mit der Lösung kommt ein Gefühl der Zufriedenheit, aber das ist nicht zu vergleichen mit der Freude am Schaffen.

Können Sie als neugieriger Mensch überhaupt zufrieden sein?
Zufriedenheit ist ein zwiespältiges Gefühl. Vielleicht können Menschen zufrieden sein, die sich nur mit einer Sache beschäftigen und einzelne Stationen auf dem Gleis zum Ziel feiern.

Volle Konzentration auf ein Ziel, das hört sich an wie die ideale Voraussetzung für Innovationen.
Ganz im Gegenteil. Kreativität braucht einen komplexen Diskurs und ein multikulturelles Umfeld, weil Konzepte durch Querverbindungen entstehen. Es ist irreführend zu glauben, Kreativität könne fachrichtungsspezifisch sein. Erst die bunte Fläche des „Multitasking“ fördert Neuartiges. Deshalb kommen meine Studenten aus den Natur-, Ingenieur- und aus den Sprachwissenschaften — und natürlich aus aller Welt.

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Woran erkennen Sie eine wirklich gute Idee? Der Designer Ross Lovegrove meint: „Wenn es unrealistisch erscheint, ist es die Zukunft.“
Alles, was man denken kann, wird irgendwann möglich. Wenn etwas unrealistisch erscheint, ist der eigene Blickwinkel nicht weit genug. Die Zukunft von heute ist die Vergangenheit von übermorgen. Eine gute Idee ist eine herausragende Idee, auch wenn sie zunächst erschrecken kann.