LIEBLING DER ARCHITEKTEN

Gigantische Schlachthöfe begründeten ihren Reichtum. Große Architekten wählten sie als Rahmen für ihre Baukunst. Die Stadt ist ein Kraftwerk: Chicago. Sie lebt von Ehrgeiz und großen Plänen. Ihr Sinn für Schönheit und Musik ist legendär. Trotzdem ist sie bodenständig geblieben, genau wie er: der Architekt Dirk Lohan. Als Enkel Mies van der Rohes kennt er die Stadt aus einer ganz besonderen Perspektive.

Er ändert täglich seine Erscheinung. Er ist der heimliche Herrscher der Stadt. Er regiert mit Gewalt und Nachsicht. Im Winter drückt er Menschen an die Wand, im Sommer umschmeichelt er sie mit einer kühlen Brise: der Wind. Immer dieser Wind. Von den Großen Seen zieht er nach Chicago und fegt durch die Straßen wie die Luft in einem Windkanal. Die Stadt heißt nicht umsonst „The Windy City“, auch wenn damit ursprünglich die langatmigen Reden früherer Politiker gemeint waren. Heute sind es andere, die für Wind in der Millionenstadt sorgen. Der Architekt Dirk Lohan etwa. Vor 40 Jahren besuchte er hier seinen Großvater. Der alte Herr war niemand anderes als Mies van der Rohe, ein Mitbegründer der modernen Architektur. In Deutschland geboren, formte er seine Wahlheimat mit strengem Design, getreu dem Motto „Weniger ist mehr“. Sein Enkel ließ sich inspirieren, blieb in Chicago und entwickelte die Ideen des Großvaters weiter. Doch nicht Traditionsbewusstsein treibt Lohan, sondern die Leidenschaft für die Metropole am Lake Michigan.

„Hier zählt nicht, was du bist. Hier zählt, was du machst“, sagt der Einwanderer, der sich mittlerweile als echter Chicagoer begreift. Das wirtschaftliche Zentrum des Mittleren Westens profitiert von seiner „Jugend“. Was im New York-Song besungen wird, gilt in Wahrheit für Chicago: „Wenn du es hier schaffst, dann schaffst du es überall“, schwärmt Lohan im Salon des Chicago Club. Die These wird durch seine Mitgliedschaft eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Umgeben von offenen Kaminen, antiken Möbeln, Ölgemälden und schweren Kronleuchtern dient der Club dem Vorstand von Lohan Associates als produktives Refugium. „Es ist eine Freude, hier stundenlang mit einer Zeitung zu sitzen“, sagt der Architekt, der zu den 1200 handverlesenen internationalen Mitgliedern gehört. 1869 gegründet, führt die Institution Mächtige zusammen und sorgt mit seiner Infrastruktur, bestehend aus Restaurant, Bar und Salon für niveauvolle Kontaktanbahnung. Jackett und Krawatte sind Pflicht. „Unsere Mitglieder schätzen den Stil, die Intimität und Diskretion des Clubs für ihre Geschäfte. Die Presse hat keinen Zutritt. Was zwischen diesen Wänden besprochen wird, bleibt hier“, erklärt Vereins-Managerin Cecy Szuba die Spielregeln. Um sie herum werden viele Millionen-Deals geschlossen. Auf Erfolge dieser Größenordnung stößt Lohan in der Club-Bar bevorzugt mit einem American Martini an: „Gin und Wermut“.

An Gelegenheiten mangelt es nicht. Aktuell die 600 Millionen Dollar teure Rekonstruktion des traditionsreichen Football-Stadions Soldier Field am Ufer des Lake Michigan, Lakefront genannt. Das weite Wasserfeld schenkt dem Städter die Illusion, am Meer zu leben. Hier, an der Strandpromenade, joggt, radelt und picknickt er. „Dieser Ort ist uns Chicagoern heilig. Wer hier baut, muss mit Angriffen rechnen“, sagt Lohan, der im Architekturkritiker der Chicago Tribune, Blair Kamin, einen leidenschaftlichen Gegner gefunden hat. Lohan ficht das nicht an. Immerhin ist das Soldier Field nach dem Aquarium und dem Planetarium das dritte Gebäude an der Lakefront, an dem der Profi seine Philosophie auslebt. „Ich suche die fließende Verbindung zwischen Alt und Neu, den Ausdruck von Klarheit und Einfachheit. Architektur muss auf den ersten Blick verstanden werden.“ Von Mies van der Rohe, dessen Porträt in Lohans Büro hängt, stammt die Gleichung: Architektur = Bauen. Aber wodurch charakterisiert sich das heutige Bauen? Mit der Antwort distanziert sich der Enkel vom Großvater. Lohan will weniger Strenge und mehr Menschlichkeit in seine Entwürfe bringen. „Es war immer mein Ziel, Architektur zu humanisieren.“ Bauherren in aller Welt goutieren diesen Ansatz. Lohan schuf unter anderem das Grand Hyatt Mumbai Hotel in Indien und die Neue Nationalgalerie in Berlin. Ohne Zweifel ist er einer der Renommiertesten seines Fachs. Und, hört man Joseph Gambino reden, ein netter und angenehmer Zeitgenosse obendrein. Der Friseur ist für das akkurat nach hinten gekämmte, silberweiße Haupthaar Lohans zuständig. Im dritten Stock des berühmten Wrigleys-Gebäude führt der Meister einen namen- und fensterlosen Ein-Mann-Betrieb. Sein winziger Salon mit dem blau gepolsterten Stuhl wirkt nostalgisch. Ein Eindruck, der durch das verblichene Foto an der Wand noch verstärkt wird. Es erzählt, wie fein sich Chicagoer in den dreißiger Jahren für ein Baseball-Spiel kleideten. Für Waschen und Schneiden nimmt Gambino 18 Dollar. Lohan vertraut ihm seit nunmehr 25 Jahren seinen Kopfschmuck an. „Gambino weiß mit der Schere umzugehen. Bei ihm bekommt man einen ehrlichen, guten Schnitt ohne Chichi. Das mag ich“, erklärt der Stammkunde. Zumal der „Barber- Shop“ auf seinem täglichen Arbeitsweg liegt: auf der „Magnificent Mile“, der großartigen North Michigan Avenue.

Sie hat sich ihren Namen verdient: Als Einkaufsparadies mit architektonischen Highlights wie der 1922 errichteten Zentrale des Kaugummikonzerns Wrigleys, in der besagter Gambino arbeitet. Schräg gegenüber beherbergt der Tribune Tower mit seinen neogotischen Dekorationen die größte Tageszeitung im Mittleren Westen, die Chicago Tribune.

Doch die wahre Attraktion der Magnificent Mile findet sich zweihundert Meter weiter. Sie zeigt, dass Warteschlangen auch zum Erscheinungsbild hoch entwickelter Demokratien gehören können, jedenfalls wenn es um Gaumenfreuden geht. Denn Geschäftsleute, Hausfrauen und junge Liebespaare stehen sich klaglos die Beine in den Bauch, um bei Garrett in den Genuss des süchtig machenden Caramel- und Cheese-Popcorns zu kommen. „Einmal probiert, für immer verführt“, schwärmt ein Fan von dem begehrten Naschwerk.

Lohans Geduld wird im Legoshop des Nordstrom Einkaufszentrums auf die Probe gestellt. Dorthin dirigiert den allein erziehenden Vater regelmäßig sein siebenjähriger Sohn Carsten. Doch Lohan, da ist er ganz Architekt, genießt es auch. „Immerhin stehen hier die schönsten Gebäude Chicagos als Lego-Kopie im Miniaturformat, unter anderem mein Favorit, der John Hancock-Tower.“ Der dunkle Turm reckt sich im Original am Nordende der berühmten Meile 343 Meter in die Höhe. Im 25. Stock führt Lohans Freund Richard Gray eine Galerie. Ein Gemälde David Hockneys, zu haben für eine halbe Million Dollar, leuchtet dem Besucher in der Empfangshalle entgegen. Daneben führt der Galerist auch Werke von Pablo Picasso, Joan Miró und Alberto Giacometti. „Richard ist der einflussreichste Kunsthändler Chicagos“, kommentiert Lohan, der selbst ein begeisterter Sammler moderner Kunst und engagiertes Mitglied des „Arts Club of Chicago“ ist. In dessen Vereinsräumen regt er Ausstellungen junger Künstler sowie Diskussionen und Vorträge an. „Kunst fordert heraus. Sie manifestiert, wie das menschliche Bewusstsein arbeitet.“ So verwundert es nicht, dass der Architekt gerne Zeit in einem der schönsten Museen der Welt verbringt, im „Art Institute“ an der Lakefront. Unter dessen Dach werden fünf Jahrtausende Kunstgeschichte gehortet. Der Spätimpressionist Georges Seurat und sein pointillistisches Bild „Un Dimanche aprèsmidi à L’Ile de la Grande-Jatte“ haben es Lohan der Klarheit und des Lichtes wegen besonders angetan.

Wenn er so spricht, auf dem Aussichtsdeck im 94. Stock des John Hancock-Turms, dann bricht der Romantiker und Philosoph im nüchternen Planer durch. „Sehen Sie das Ufer des Lake Michigan, es schmiegt sich wie eine Kette um den See, großartig“, entfährt es Lohan. „Und erst der Blick auf downtown, die Gebäude scheinen im Lichtermeer miteinander zu kommunizieren. Alles steht in Verbindung. Diese universelle Wahrheit lässt sich nachts besser erkennen, als bei Tageslicht.“

Lohan liebt die Dunkelheit. Er sucht den Glanz der Sterne. „Ich bin ein Hobby-Astronom und oft im Planetarium an der Lakefront. Es ist wahrscheinlich das beste der Welt.“ Lasershows simulieren eine Reise in die Ungerne in der Innenstadt. Die meisten Baustellen in der City werden zu Wohnhäusern.“ Aufs Auto will Lohan trotzdem nicht verzichten, fährt er doch ein Aston Martin DB5 Cabrio.

Chicago ist eine großartige amerikanische Stadt, vielleicht die letzte ihrer Art.“ Mit diesen Worten hob der Autor Norman Mailer Chicago über Orte wie Los Angeles, San Francisco oder Boston. Ähnlich äußerte sich der Architekt Frank Lloyd Wright, der mit Kollegen wie Mies van der Rohe im vergangenen Jahrhundert das Stadtbild geprägt hatte. Ob das Kalkül, die schönste Metropole der Welt zu schaffen, aufging, lässt sich dank der „Chicago Architecture Foundation“ nachprüfen. Lohan gehört zu den Förderern der Stiftung. Ihre Stadtführungen, zum Beispiel die „Official Architecture River Cruise“, eine Kreuzfahrt zu bedeutenden Bauwerken der Stadt, kann er nicht nur deshalb empfehlen. Der Laden der Stiftung an der South Michigan Avenue hält eine hübsche Auswahl an Souvenirs bereit, die nichts mit dem Kitsch zu tun haben, der andernorts als so genannte Andenken in der Touristenklasse die Heimreise antreten. Stattdessen: Bildbände, Kunsthandwerk und bunte Kühe, die an die Schlachthof-Vergangenheit der Stadt anknüpfen.

Kaum älter als zwei Jahre ist der Ort, an dem Lohan seine Gäste unterbringt. „Das Burnham Hotel hat eine beinahe europäische Atmosphäre“, erzählt der Architekt. „Ich habe dort sehr verwöhnte und wohlhabende Menschen untergebracht. Sie fühlten sich wohl, kommen immer wieder zurück.“ Der US-Talkmaster Jay Leno gibt Lohan recht. Auch Leno bezieht zuweilen Quartier in den exklusiven, kleinen Suiten des ehemaligen Office-Gebäudes mit Blick auf downtown Chicago. In Form und Farbe wohl ausbalanciert, erwarten die Gäste Zimmer, die Ruhe und Wärme ausstrahlen – viereckige Oasen inmitten des Kraftwerks Chicago.

Die schachbrettartig angelegte Stadt hat den Aufstieg zur Weltmetropole geschafft, ohne die Kraft ihrer Wurzeln zu verlieren. Auf der Aussichtsplattform des John Hancock-Towers steht geschrieben: „Mach’ keine kleinen Pläne, ihnen fehlt die Magie, Menschen zu begeistern.“ Dirk Lohan hält sich seit 40 Jahren an dieses Motto.