MADE IN GERMANY

Sie wachsen gegen den Trend, wandeln ihr Image und stärken die Wirtschaft: Deutsche Familienunternehmen sind ein Zukunftsmodell.

Es steht im Grundgesetz: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Erfolgreiche Familienunternehmen wie Henkel oder Dr. Oetker haben den Artikel 14 Absatz 2 verinnerlicht. Er gehört zur DNA ihrer Firmen und drückt sich im Leitmotiv „über der Familie steht die Firma“ aus, was in der Praxis bedeutet: Die Zukunft des Unternehmens und das Wohl der Arbeitnehmer zählen mehr als die Interessen der einzelnen Familienmitglieder. Die Erfahrung und konkrete Zahlen (siehe Kasten) zeigen: In Krisenzeiten wird eher auf Gewinn verzichtet oder das Privatvermögen angegriffen,als dass Mitarbeiter ausgestellt werden. Diese danken es ihren Chefs mit Loyalität und Engagement. Die Motivation ist in vielen Familienunternehmen überdurchschnittlich hoch und die Fluktuation gering.
Sind Familienunternehmer moralisch im Vorteil? Christine Underberg, deren Familienname durch einen Kräuterlikör bekannt wurde, bemerkte dazu einst: „Nur wer ethisch wertvoll handelt, ist langfristig erfolgreich.“ Den Beweis erbringen die Stiftung Familienunternehmen und das Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU). Gemeinsam nahmen sie die Erfolgsspur der 100 umsatzstärksten deutschen Familienunternehmen auf, die sich seit mindestens über 100 Jahren auf dem Markt behaupten. Trotz einer großen Vielfalt in den Geschäftsbereichen fanden die Experten einen gemeinsamen Nenner für den Erfolg: Bei Familienunternehmen stimmen Eigentum, Risiko und Kontrolle überein. Die Firmen sind hoch innovativ, aber wertbeständig orientiert. Oft sind sie in ländlichen Regionen verwurzelt und trotzdem weltweit Marktführer. Sie stärken das Signet „Made in Germany“ mit Qualitätsprodukten und Dienstleistungen. Sie fühlen sich ihren Mitarbeitern verpflichtet und pflegen intensive Kunden- und Lieferantenbeziehungen. Ihre Unabhängigkeit behandeln sie als hohes Gut, das es zu wahren gilt – auch in finanzieller Hinsicht.
Beim genauen Hinsehen scheint im Charakter eines typischen Familienunternehmens das alte Bild des ehrbaren Kaufmanns durch. Gerade in Zeiten von anonymen Kapitalgesellschaften mit einer oft kurzfristigen Ausrichtung, kommt diese Haltung wieder in Mode. Schließlich leben Firmen in Familienhand seit Generationen vor, was sich Konzerne erst neuerdings in ihre Statuten schreiben: Nachhaltigkeit. Es ist die Vision und der Wille, das Unternehmen in die nächste Generation zu bringen, die das Wirtschaften von Familienunternehmern bestimmt. Die Zentis-Gesellschafter, alle Nachfolger des Firmengründers Franz Zentis, sehen sich „als Treuhänder der nächsten Generation“. Eine Definition, der alle erfolgreichen Familienunternehmer zustimmen. Auch Martin Schoeller, Geschäftsführer des gleichnamigen Logistik- und Verpackungsunternehmens, „fasziniert die kontinuierliche Innovation und die Nachhaltigkeit in jeder Hinsicht. Das Motto der Familie ist seit Generationen: Erneuern und Durchhalten.“ In dem Werk „Große deutsche Familienunternehmen“ wird auch die Geschichte von Schoeller Industries beschrieben. Die Autoren beleuchteten Geschichte, Entwicklung und Management von 50 deutschen Familienunternehmen. Dabei kristallisierten sich neben den Chancen auch deren Risiken heraus. Die Familie ist ebenso Ressource wie Gefahr für das Unternehmen, nicht zuletzt, weil die Kommunikation unter den Familienmitgliedern von Gefühlen und möglicherweise auch Konflikten gelenkt wird und der Kreis der Familie mit den Jahren natürlich wächst. Moderne Unternehmer wirken dem mit klaren Organisationsstrukturen und oft auch mithilfe von außen gezielt entgegen. „Die Zeiten, in denen ein Patriarch allein die Geschicke bestimmte, sind vorbei“, stellt Professor Hennerkes, Vorsitzender der Stiftung Familienunternehmen fest. Heute wird die Verantwortung für das Gesamtvermögen stärker institutionalisiert und die Nachfolge klar geregelt. Gleichzeitig bleibt ein großer Vorzug von Familienunternehmen erhalten: flache Hierarchien und damit Entschlusskraft und Wendigkeit. Die Trennung von Familie und Arbeit ist ohnehin eine relativ moderne Erscheinung, die erst mit der Industrialisierung kam. „Bis dahin war die Familie als „ganzes Haus“ eine ökonomische und emotionale Überlebenseinheit, zu der Verwandte und auch Mitarbeiter zählten“, beschreiben Torsten Groth und Fritz B. Simon die Vergangenheit. An die Geborgenheit, die ein solches Haus vermitteln kann, erinnern Traditionsfirmen, die nicht nur ihren Grundsätzen, sondern auch ihrem Standort treu bleiben. Die meisten entwickeln und produzieren in ihrer Heimat. Sie sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.