MITTELMÄßIGKEIT ADÉ

Diamanten, Luxushäuser, multiple Persönlichkeiten und die Stadt Paris sind im Kommen. Doch die Zukunft gehört nicht alleine den Hedonisten. Die Trendforscherin Li Edelkoort prophezeit einen Sinneswandel, der das Leben eines jeden Einzelnen verändern wird.

Das Gedränge am Büfett im königlichen Tropeninstitut zu Amsterdam ist groß. Es gibt Würstchen mit Kartoffelpüree, was so gar nicht zu der modischen Gesellschaft passen will, die sich hier eingefunden hat. Es sind Europas führende Designer und Modeexperten, die der Einladung Li Edelkoorts gefolgt sind. Zweimal im Jahr gibt die holländische Trendexpertin mit Pariser Firmensitz einen Vorgeschmack auf die Zukunft. Und dazu gehört heute nicht nur die Hausmannskost. Es geht um neue Lebensformen allgemein, um veränderte Materialien und Farben, aber auch um Modeströmungen. Eigentlich geht es um alles, was den Menschen von morgen ausmacht.

Wie er heißt, steht schon fest: kreativer Konsument mit multipler Persönlichkeit. Gerade in der zweiten Lebenshälfte begibt er sich begeistert auf die Suche nach seinen Eigenschaften und Fähigkeiten. Anders als seine Vorfahren will der neue Verbrauchertypus seine Schaffenskraft voll ausleben. Fertige Ideen und Massenprodukte erscheinen ihm zunehmend suspekt. Er sieht sich als Erfinder, der an seine Gestaltungsmöglichkeiten glaubt und ihnen Raum verschafft. „Der moderne Mensch will auch im Alltag seine kreativen Momente ausleben, indem er beispielsweise Sammlungen aufbaut und arrangiert“, sagt Li Edelkoort.

Für Aussagen wie diese zahlen ihr Unternehmen gutes Geld, auch wenn ihnen das Gehörte nicht immer behagen dürfte. Denn einerseits leben Marken wie Chanel, Philips, Estée Lauder oder DuPont vom Konsum. Andererseits können sie sich dank der Trendbücher, Magazine und Einzelkonzepte aus dem Studio Edelkoort und ihrer „Trend Union“ auf das veränderte Konsumverhalten frühzeitig einstellen und damit ihr Überleben sichern. Das Aufkommen des emanzipierten Konsumenten sieht Edelkoort als Herausforderung an die Markenführer. Denn sie ist sich sicher: „Wir werden künftig weniger kaufen, dafür aber mehr ausgeben. Und weniger Konsum lässt mehr Raum für Kreativität.“

Weil die westliche Welt übersättigt ist und Quantität ihren Reiz verliert, konzentriert sich die Avantgarde auf Qualität und Individualität. „Menschen investieren künftig sehr überlegt in ungewöhnliche, einzigartige und langlebige Dinge.“ Das gilt für alle Lebensbereiche, ob für Möbel, Kleidung oder Kunst. Bei ihren Anschaffungen scheuen die Kunden vor allem eines: Mittelmäßigkeit. Sie wollen mit ihren Gütern klare Aussagen treffen. Die Dinge müssen von ihren Eigentümern erzählen.

Schmuck eignet sich für die nonverbale Kommunikation besonders gut. Freuen dürfen sich die Juweliere, denen die „Futurologin“ eine rosige Zukunft verheißt. Und das nicht nur, weil langsam, aber sicher auch Männer dazu übergehen, ihre Persönlichkeit mit Edelsteinen zu betonen. „Besonders junge Menschen werden Gefallen an Diamanten finden, als Accessoires und als Anlagemöglichkeit.“ Schmuckdesignern rät sie, Anleihen bei den großen Juwelieren des vergangenen Jahrhunderts zu nehmen. Deren Fantasie und Kunstfertigkeit decken sich mit den hohen Erwartungen des kreativen Konsumenten.

Dazu passt, dass dieser aus dem Kreislauf der ökonomischen Krisen ausbricht. Die Menschen haben genug vom gewohnten Zehn-Jahres- Zyklus aus Boom und darauf folgender Rezession. „Wir halten erstmals an festlichen und exzentrischen Dingen fest“, beobachtet Edelkoort, „und konzentrieren uns parallel dazu auf die Basics. Wir fasten und feiern gleichzeitig, deshalb nenne ich diese Periode den ,Ramadan von Stil und Konsum‘.“ In dieser Entwicklung sehen Optimisten den Ausdruck eines Lernprozesses, die erfolgreiche Suche der Menschen nach Balance und Mittelpunkt.

Immobilien stehen deshalb hoch im Kurs. Der Trendsetter begehrt klassische, solide Familienwohnsitze, die mehr dem Sein als dem Schein gerecht werden. „Nach Zeiten des Reisens und der Ruhelosigkeit sehnen wir uns nach einem Zuhause“, weiß die Trendforscherin. Die Aussichten auf ein selbstgekochtes Mahl, auf ein vertrauliches Gespräch am offenen Kamin und auf eine gemütliche Couch gewinnen enorm an Attraktivität. „Wir wollen Möbel, die uns das Gefühl geben, geliebt zu werden. Liebe und Lebensenergien werden zu Hauptquellen der Inspiration, im Design und im Leben“, sagt Edelkoort. Die Entwicklung gehe dahin, dass Babys, aber auch Haustiere zu Statussymbolen avancieren. Dem Auto kommt deshalb nicht weniger Bedeutung zu. Es bleibt als Ausdruck der Persönlichkeit und Gradmesser des Erfolgs auch im kommenden Jahrzehnt im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Mehr als bisher zählen Qualität und Verpackung, weil die Menschen berührungsfreudiger werden. „Die Industrie stellt sich mit Materialien, die dem Tastsinn entgegenkommen, darauf ein“, sagt Edelkoort und kündigt abwechslungsreiche Oberflächenstrukturen bei Stoffen und handschmeichelnde Elemente bei technischen Produkten an. „Die Dinge werden brauchbarer und sinnvoller. Ihr Design vereint Sentiment und Fertigungskunst.“ Kein Wunder, dass bei Einkäufen Spezialisten vertraut wird, traditionellen Handwerkern, die sich nur auf die Fertigung eines Produktes konzentrieren. Schuster bleiben bei ihren Leisten, anstatt auch noch Hemden zu produzieren. „Es geht um Ursprünge und um Wurzeln“, erläutert die Trendsetterin, die neben ihren eigenen Unternehmen auch die Design-Akademie im niederländischen Eindhoven leitet.

Die Suche nach dem Originären wird einer Weltstadt zur Renaissance verhelfen: „Paris wird ein Comeback erleben wie zuletzt vor hundert Jahren“, orakelt Edelkoort. Die Metropole an der Seine habe sich kaum verändert. Statt jede Mode mitzumachen, habe sie ihre Historie gepflegt. „Die internationalen Gleichmacher konnten Paris nichts anhaben. Dadurch hat sich die Stadt ihre Frische und Originalität bewahrt.“ Für die Visionärin und Wahlpariserin ist deshalb klar: Gemeinsam mit Berlin werde die französische Hauptstadt London und Barcelona auf der Beliebtheitsskala der Avantgarde von oberster Stelle verdrängen.

Das Streben nach Originalität zieht noch weitere Kreise. „USA, Europa und Asien machen sich unabhängiger voneinander und werden wieder mehr aus sich selbst heraus leben. Das bedeutet, dass eine wahre Globalisierung nur schwer durchzusetzen ist. Es sei denn, wir globalisieren und lokalisieren gleichzeitig.“ Nicht zuletzt der Tourismus muss sich auf gravierende Veränderungen gefasst machen. Die einzelnen Ländern sind gefordert, ihre Landsleute als potenzielle Gäste zu betrachten. Der kreative Konsument will jeden Tag ein bisschen Urlaub nehmen und darüber hinaus mit mehr Zeit seine nähere Umgebung entdecken.

Da trifft es sich gut, dass auch die Trennung zwischen Freizeit und Beruf aufgehoben wird. Immer mehr Menschen werden künftig produktiv sein können, wann und wo immer sie wollen. Das Büro geht einfach mit auf Reisen. Luxus, der aufmerksame Zuhörer ahnt es schon, Luxus definiert sich also mehr denn je über die Zeit. „Zeit zur Besinnung, Zeit sich auf sich selbst zu konzentrieren“, wie Edelkoort sagt. Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung, dass die Welt immer schnelllebiger werde, glaubt die Holländerin an die Entdeckung der Langsamkeit: „Selbst unser Planet drosselt sein Tempo, wenn auch kaum merklich.“

Dem kreativen Konsumenten kann es nur recht sein, schließlich braucht er vor allem Zeit, um seine multiple Persönlichkeit zu entfalten. So gesehen war das Büfett im königlichen Tropeninstitut Amsterdams mit Bedacht gewählt. Würstchen und Kartoffelpüree: mundgerechte Speisen ohne Chichi. Dicke Brocken wurden den Gästen an diesem Tag ja ohnehin schon genügend vorgesetzt.