UNTERWEGS IN DIE ZUKUNFT

Es gibt Unternehmen, die schauen nach vorne. Das Hamburger Trendbüro gehört dazu. Patrick Schenck arbeitet dort als Zukunftsforscher. Auf seine Analysen bauen u.a. Autohersteller ihre Strategien. Wir haben ihn zum Thema Mobilität befragt und viel erfahren: über Autos, Besitz, Statussymbole und die nächste Generation.

Herr Schenck, Sie sind Trendforscher und haben gerade an einer Studie zum Thema „Mobilität der Zukunft“ gearbeitet. Sie müssen es wissen: Wie kommen wir in Zukunft von A nach B?
Generell gilt: Das Auto als Privateigentum verliert an Bedeutung, Mobilität wird weniger an Besitz gebunden sein. Folgerichtig bewegen wir uns vom Automobil hin zu einem Angebot an Mobilität. Es geht dabei vor allem um die Frage, möglichst clever unterwegs zu sein. Gerade in den Städten verändert sich Mobilität gravierend, nicht nur wegen der Parkplatzsuche und den oft kurzen Strecken.

Sprechen Sie von einem Trend zu öffentlichen Verkehrsmitteln?
Im Gegenteil. Ich spreche von individuellen Lösungen: Anstatt einen dicken Mercedes oder BMW zu besitzen, will man situationsbezogen das passende Transportmittel wählen. Was zählt, ist die Anwendung, nicht das Eigentum. Folgerichtig wird es mehr Carsharing-Angebote geben wie das wegweisende „car2go“-Projekt in Ulm und Neu-Ulm: Überall in der Stadt stehen Smarts, die man spontan und flexibel ausleihen und wieder zurückgeben kann. Die wegweisende Idee lautet: Besitz auf Zeit.

Gleichzeitig ist das Auto noch immer ein Statussymbol. Sind wir bereit, darauf zu verzichten?
Dafür gibt es deutliche Zeichen: Die vielen erfolgreichen Kleinwagen reagieren in den Städten bereits auf das Bedürfnis nach Flexibilität. Der Smart ist ein Parkplatzkönig. Andererseits ist das Modell kein Auto, mit dem ich lange Strecken fahren will. Das zeigt: Die Bedürfnisse der Mobilität zergliedern sich in verschiedene Bereiche und fordern passgenaue Antworten.

Inwieweit verändert diese Entwicklung unsere Gesellschaft?
Es setzt sich eine Einstellung durch, die Verschwendung negativ sanktioniert und Synergien belohnt. Fette Benzinschleudern bekommen ein Imageproblem. Autos, die an sechs von sieben Wochentagen ungenutzt in der Garage stehen, werden fragwürdig. Der Grund: Unser Umweltbewusstsein ist stark gestiegen und besagte Synergien sind das Ziel. In den USA gibt es beispielsweise auf den Highways „Carpool-Lanes“, die nur Autos mit mindestens zwei Insassen nutzen dürfen.

Das ökologische Verantwortungsbewusstsein ist dennoch bislang keine Massenbewegung. Ist Optimismus wirklich angebracht?
Trends gehen sehr oft von einer Elite aus. Sie bewegen sich vom Premium-Segment in den Massenmarkt. Die Entscheidung, in ein neues ökofreundliches Auto zu investieren, zahlt sich erst langfristig aus – und das muss man sich leisten können. Nichts desto Trotz ist der Stimmungswandel wahrnehmbar. Die Einstellung: „Ich muss einen dicken Wagen fahren,“ ändert sich zugunsten: „Es ist clever, in der Stadt ein kleines Auto zu fahren.“ Der Erfolg des Minis belegt es. Der Mini ist ein Premium-Fahrzeug, wenn auch in kleiner Verpackung. Bei dieser Variante versprechen Automobilhersteller: „Wir machen „Downsizing“, kein „Downgrading“ – , wir werden kleiner, ohne Qualitätsabstriche.

Wie geht die Jugend das Thema Auto an?
Für die nachwachsenden Generationen verliert das Auto als Statussymbol seine Leuchtkraft, Identitätsstiftenden Symbole verlagern sich in einen immateriellen Raum. Es geht um Aspekte jenseits von Besitz, beispielsweise um Abenteuerreisen und Bildung. Alles dreht sich letztendlich um die individuelle Erfahrung. Junge Menschen wollen sich als Individuum erleben, anstatt Besitz zu pflegen.

Damit werden geistige Werte zu den neuen Statussymbolen?
In diese Richtung geht es. Das Automobil verliert seinen Reiz, auch wenn die ganze deutsche Autobranche dagegen wettert. Sie ist einfach noch nicht bereit, Mobilität als solche zu zelebrieren. Allerdings werden die Autos bereits jetzt anders definiert. Während früher ihre Leistung hervorgehoben wurde, zählen heute ihre Effizienz und ihre Ökobilanz.

Wie wappnen sich kluge Hersteller für morgen?
Patrick Schenck: Sie arbeiten an Angeboten mit vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten. Der einzelne Fahrer will flexibel sein -, und nicht unbedingt einen PS-Strotz besitzen. Letztendlich geht es um Mobilität und die bezieht sich nicht nur auf das Fahrzeug, sondern auf alle Service-Dienstleistungen darum herum. In den USA bieten Hersteller beim Autokauf aktuell „Rundum-Sorglos-Pakete.“ Sie garantieren, den Wagen innerhalb von vier Jahren zurückzunehmen, wenn der Kunde in dieser Zeit seinen Job verliert. Damit wird vermittelt: „Ich gebe Dir Anreize, das Fahrzeug zu haben, aber gleichzeitig musst Du keine Angst haben, dass es Dich ruiniert.“ Moderne Kunden wollen Autos, die sie anwenden können. Verpflichtungen wie Pflege, Reifenwechsel, Ölwechsel usw. geben sie gerne ab. Fazit: Mobilität muss als Service begriffen werden.